Volume 08
Die neue EU-Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) wird ab 2026 verbindlich und stellt die Verpackungsindustrie vor weitreichende Veränderungen. Sie fordert unter anderem Verpackungsminimierung, hohe Recyclingfähigkeit und eine konsequente Ausrichtung auf Kreislaufwirtschaft. Im Interview sprechen Percy Dengler(Managing Director Baumer hhs) und Thomas Walther (Corporate Strategy & Innovation Baumer hhs) mit Forian Lemke (Digital Content Manager) darüber, welche konkreten Auswirkungen die Regulierung für Unternehmen hat, wo Chancen für Innovation und Effizienz liegen und welche Rolle Prozessstabilität, präziser Klebstoffeinsatz und Brancheninitiativen wie 4evergreen dabei spielen. Ihr Fazit: Nachhaltigkeit entsteht nicht nur durch weniger Material, sondern durch technisch stabile und durchdachte Verpackungslösungen entlang der gesamten Lieferkette.
Florian Lemke: Herr Walther, die Packaging and Packaging Waste Regulation wird ab 2026 verbindlich. Was verändert sie aus Ihrer Sicht konkret für die Verpackungsindustrie?
Thomas Walther: Die PPWR setzt erstmals europaweit einheitliche Anforderungen an Verpackungen. Sie fordert Verpackungsminimierung, hohe Recyclingfähigkeit und klare Nachweise zur Kreislauffähigkeit. Damit wird Nachhaltigkeit nicht mehr nur Ziel, sondern regulatorische Verpflichtung. Für die Praxis bedeutet das: Konstruktion, Materialeinsatz und Prozessstabilität müssen neu gedacht und belastbar dokumentiert werden.
Florian Lemke: Viele Unternehmen empfinden die neuen Vorgaben zunächst als Belastung. Sehen Sie auch Chancen?
Thomas Walther: Absolut. Die PPWR ist nicht nur Restriktion, sondern auch Innovationsimpuls. Wer Prozesse stabilisiert und Material gezielt einsetzt, kann Ausschuss reduzieren und Kosten senken. Neben der Recyclingfähigkeit rücken Effizienz, Planbarkeit und Qualitätsabsicherung stärker in den Fokus. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit lassen sich hier verbinden.

Florian Lemke: Die Verordnung verlangt Verpackungsminimierung. Wo liegen dabei die Grenzen?
Thomas Walther: Die PPWR ist an dieser Stelle sehr klar. Anhang IV stellt sicher, dass die Schutzfunktion einer Verpackung über den gesamten Lebenszyklus erhalten bleiben muss – vom Abpacken bis zur Endverwendung. Minimierung darf nicht zu Produktschäden oder Wertverlust führen. Entscheidend ist also nicht „so wenig wie möglich“, sondern „so viel wie funktional notwendig“.
Percy Dengler: Und genau hier entsteht der Zusammenhang mit Prozessstabilität. Eine unzureichende Verklebung kann entlang der gesamten Lieferkette Ausschuss verursachen. Der Schaden zeigt sich oft erst später, dann aber mit erheblicher wirtschaftlicher Wirkung. Deshalb setzen wir auf präzise, kontrollierte Klebstoffaufträge und durchgängige Überwachung.
Florian Lemke: Klebstoffe werden im Kontext der Recyclingfähigkeit häufig kritisch gesehen. Wie bewerten Sie das?
Thomas Walther: Klebstoffe werden selbst nicht recycelt, dürfen aber den Papierrecyclingprozess nicht beeinträchtigen. Hier hat die Industrie in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Heißleime lassen sich bei entsprechender Auftraggröße zuverlässig aussieben, Kaltleime sind wasserdispergierbar. Entscheidend bleibt der Minimierungsgrundsatz: nur so viel einsetzen, wie die Funktion erfordert.
Percy Dengler: Durch präzise Auftragstechniken wie Dotting können wir den Klebstoffeinsatz deutlich reduzieren. Statt einer durchgehenden Raupe wird eine Punktreihe appliziert. Das kann den Materialeinsatz nahezu halbieren, ohne die Stabilität zu beeinträchtigen. Prüfungen unabhängiger Institute bestätigen das. Weniger Klebstoff verbessert gleichzeitig den Recycling-Score.

Florian Lemke: Wie stellen Sie sicher, dass Qualität entlang des gesamten Lebenszyklus gewährleistet bleibt?
Percy Dengler: Wir verfolgen einen präventiven Ansatz. Fehler sollen nicht erst erkannt, sondern von vornherein vermieden werden. Moderne Auftragsköpfe reduzieren Fehlbeleimungen, Überwachungssysteme verhindern, dass fehlerhafte Verpackungen in die Auslieferung gelangen. Damit lassen sich Kettenreaktionen in nachgelagerten Prozessen vermeiden.
Florian Lemke: Herr Walther, Sie engagieren sich in der 4evergreen-Initiative. Welche Rolle spielt diese Plattform im Kontext der PPWR?
Thomas Walther: 4evergreen ist für die Branche von zentraler Bedeutung. Hier arbeiten Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammen, um wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Lösungen für faserbasierte Verpackungen zu entwickeln.
Die Initiative stellt konkrete Werkzeuge bereit, etwa das Recyclability Evaluation Protocol, die Circularity by Design Guideline oder die Guidance on Collection and Sorting. Diese Leitlinien unterstützen jede Phase des Verpackungslebenszyklus, von der Konstruktion bis zur Sortierung.
Darüber hinaus fließen die Ergebnisse in Standardisierungsprozesse ein. Ich selbst arbeite im Workstream Standardisierung, der Input für den CEN-Prozess liefert. Diese Arbeit bildet eine wichtige Grundlage für die Delegated Acts zur PPWR. Damit wird sichergestellt, dass regulatorische Anforderungen technisch umsetzbar und industrienah definiert werden.

Florian Lemke: Ist die PPWR für Sie am Ende eher regulatorischer Druck oder strategischer Hebel?
Thomas Walther: Sie ist beides, aber vor allem ein Hebel. Sie zwingt Unternehmen dazu, Prozesse sauber zu beherrschen. Wer das tut, profitiert mehrfach: weniger Materialeinsatz, geringerer Ausschuss, höhere Recyclingfähigkeit und stabile Produktionsabläufe. Nachhaltigkeit entsteht dann nicht isoliert, sondern als Resultat technischer Exzellenz.
Percy Dengler: Viele Maßnahmen wirken doppelt oder dreifach. Weniger Klebstoff verbessert den Recycling-Score und senkt gleichzeitig Materialkosten. Höhere Prozessstabilität reduziert Ausschuss, Energieverbrauch und Stillstände. Genau diese Mehrfachwirkung macht den Unterschied.
Florian Lemke:Enn ich das richtig vertanden habe, verändert die PPWR die Verpackungsindustrie grundlegend. Doch sie eröffnet auch Chancen für Innovation, Prozessoptimierung und Ressourceneffizienz. Initiativen wie 4evergreen zeigen, wie Standardisierung, Technologie und regulatorische Anforderungen ineinandergreifen können. Wer Verpackungsfunktion, Recyclingfähigkeit und Prozessstabilität zusammen denkt, kann Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zugleich stärken. Sehe ich das richtig?
Percy Dengler: Ja, genauso ist es.
Florian Lemke: Ih bedanke mich bei Ihnen beiden für das aufschlussreiche Gespräch.

